Wer kann aus Wüsten Oasen schaffen? Und was hat das mit der Würde des Menschen zu tun?
Eine Predigt zum 15. Sonntag nach Trinitatis zur Schöpfungsgeschichte “Perspektive II”.
Bibeltext: 1. Mose 2,4b‑9.15
Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.
Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. […]
Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.
Predigt
Wüst und leer liegt die Erde da. Nichts wächst auf ihr. Kein Halm ist zu sehen. Kein Baum, der Schatten spendet. Keine Brombeerhecken, an denen man sich laben kann. Keine Äpfel, Birnen oder Quitten. Nichts ist da. Tiere? Wo sollen die leben, wenn es noch nicht einmal Nahrung für sie gibt? Nichts ist da. Wüst und leer ist die Erde.
Wer könnte das ändern? Wer hat so viel Geschick, aus der Wüste eine Oase zu machen? Wer kann aus dem Nichts einen liebreizenden Garten schaffen? Gott natürlich. Aber die Antwort, die wir bekommen, lautet anders und verblüfft vielleicht: Schaffen kann das, schaffen soll das der Mensch. Der Mensch kann das. Er bewässert das Land. Er baut Getreide an und Wein. Er pflügt und sät. Er beschneidet und pflegt. Er erweitert beständig sein Gebiet.
Warum liegt noch alles so wüst da am Anfang der Schöpfung? „Gott, der Herr, hatte noch nicht regnen lassen auf Erden“ – und: „kein Mensch war da, der das Land bebaute.“ Der Mensch könnte das ändern. Wir könnten den wunderbaren Garten anlegen, den schon die Alten, unsere Vorfahren, den Garten Eden nannten. Wir könnten es nicht allein. Denn wer vermag es, regnen zu lassen? Wer pflanzt die ersten Bäume und Sträucher? Gott selbst macht den Anfang. Der Gärtner aber, der bebaut und bewahrt und das Gebiet erweitert, ist der Mensch.
Wer an der Stelle etwas verwirrt ist, ist es zurecht. Im ersten Kapitel der Bibel (1. Mose 1)geht es andersherum. Gott schafft das Licht. Gott schafft Himmel und Erde, Wasser und Land. Er gibt Sonne, Mond und Sternen ihren Platz. Gott erschafft die Pflanzen. Und die Tiere, die Vögel und die Fische. Erst am Ende, als alles vorbereitet ist, erschafft Gott den Menschen. Aber was, wenn die Geschichte nur aus einer anderen Perspektive erzählt wird? In der ersten Geschichte stehe ich davor und staune, wie alles wächst und größer wird, wie es geradezu logisch aufeinander aufbaut. Ich brauche erst die Erde, die solide Grundlage. Dann müssen Pflanzen wachsen, damit Lebewesen aus Fleisch und Blut Nahrung finden. Dann bevölkern Tiere die Erde. Und zuletzt kommt der Mensch. Gott hat uns den Lebensraum perfekt vorbereitet.
Was wir heute in der Lesung gehört haben, blickt von oben drauf. Die Erde ist schon da. Aber noch ist sie völlig unwirtlich. Es fehlen die, die sie gestalten. Die sich kümmern und sorgen. Es fehlen diejenigen, die die Erde bebauen und bewahren. Aber da schafft Gott den Menschen. Und von ihm aus blickt die Erzählung auf die Umgebung. Wie konzentrische Kreise legt Gott um den Menschen herum den Garten an, den der Mensch bebauen soll. Er pflanzt den Garten Eden. Gott setzt Bäume und Sträucher, legt Kartoffeln aus und sät Salat. Für die Bewässerung legt er vier Ströme an, die Eden umschließen. Und in diesen wunderbaren Garten setzt Gott den Menschen hinein.
In der ersten Perspektive ist alles fertig vorbereitet, was der Mensch braucht. In der zweiten Perspektive ist der Gärtner da und Gott baut um ihn herum auf, was er braucht. Er hat seinen Auftragnehmer vor sich und gibt ihm gewissermaßen jetzt das Startkapital in die Hand.
Aber wer ist der Mensch? Was ist der Mensch? Er ist ein “Erdling”. Adam heißt nichts anderes. Adam ist der, der vom Ackerboden – hebräisch adamah –, von der Erde genommen ist. Übrigens nicht vom fruchtbaren Mutterboden, sondern von dem losen Staub, der darauf liegt und der vom Wind verweht wird.
Wir sind Teil der Schöpfung. Die Erde ist da und wir sind Erdenkinder. Wir haben dieselben Wurzeln, denselben Grund, wie Pflanzen und Tiere. Wir reden nicht umsonst von Mutter Erde, auch wenn wir die Erde nicht als Gottheit verehren. Wir sind Erdlinge, von Gott aus dem Material der Erde geschaffen.
Genauso wird in der Fortsetzung der Geschichte erzählt, dass Gott die Tiere aus Erde macht, vom Ackerboden nimmt (1. Mose 2,19). Alles ist seine Schöpfung und wir sind ein Teil davon.
Jetzt steht der Mensch da, mittendrin im Garten. Er rennt nicht mit den Tieren über die Felder, streift nicht mit ihnen durch die Wälder. Er tummelt sich nicht im Wasser oder genießt die unendliche Freizeit im Garten. Es gibt einen Unterschied zwischen allen Geschöpfen und dem Menschen. Der Mensch bekommt als einziges Geschöpf den Auftrag, die Erde „zu bebauen und zu bewahren.“
Dieser Unterschied wird auch schon an anderen Stellen deutlich. Gott haucht dem Menschen den Lebensodem persönlich ein. Die Tiere werden zwar in manchen alten Handschriften auch als „lebendiges Wesen“ bezeichnet – mit den gleichen zwei Wörtern wie der Mensch –, aber nirgends ist die Rede davon, dass Gott sie persönlich anhaucht. Und ein zweites: Gott schafft die Tiere, „ein jedes nach seiner Art“ (1. Mose 1,21.24–25). Aber den Menschen schafft er „zu seinem Bilde“, als Ebenbilder Gottes (1. Mose 1,26–27). Die Schöpfung ist da, die ersten Pflanzungen sind angelegt. Der Mensch wird in den Garten gesetzt. Los geht’s.
Zeitsprung. Das Jahr 2000. Unsere Familie kommt in der Gegend um Zeitz an. Einer unserer Ausflüge, bei der wir die Gegend kennenlernen wollen, in der wir dann für 22 Jahre Leben werden, führt zum Tagebau Profen. Mitten in dem Gebiet, das später zu meinem Pfarrbereich in der Region gehören wird, klafft ein mächtiges Loch. An manchen Stellen ist das Loch bis zu 70 Metern tief. Der Tagebau erstreckt sich über 53 Quadratkilometer. Von Bebauen und Bewahren ist nicht viel übrig geblieben in diesem Gebiet. Orte sind unwiederbringlich verschwunden, Häuser, Kirchen, Felder, Gärten. Mehrere Tausend Menschen verloren ihre Heimat. Und Profen ist nur ein kleiner Tagebau.
Was machen wir heute mit dem Auftrag, den Garten Gottes zu bebauen und zu bewahren? 26 Jahre nach unserer Ankunft am Rand des Tagebaus brennt die Welt. Und im Rhein fahren fast keine Schiffe mehr in diesem Sommer. Es ist ein krasser Gegensatz zwischen dem, was Gott geschaffen hat und was wir bis heute daraus gemacht haben. Gott legt die perfekte Erde für uns an. Ein Garten, ein Park, wie man ihn sich schöner denken kann. Aber jetzt: Wüst liegen manche Teile der Erde da. Ausgebaggert die einen, abgebrannt durch Menschenhand die anderen. Aber auch zugebaut, überbaut, überpflastert. Wer könnte das ändern? Wer hat das Geschick, aus der Wüste eine Oase zu machen?
Zwei Gedanken bewegen mich. Der erste: „Freuet euch der schönen Erde, denn sie ist wohl wert der Freud. O was hat für Herrlichkeiten unser Gott da ausgestreut.“ (Ev. Gesangbuch Nr. 510) Die Erde ist nach wie vor ein wunderschöner Garten. Vieles ist von Natur aus faszinierend schön und großartig, ohne dass je ein Mensch dort Hand angelegt hätte.
Ich mag die Sendereihe Terra X. Ich bin fasziniert von Berichten aus allen Teilen der Welt, ob von tief unter Wasser oder hoch aus dem Himalaya. Die Welt ist ein Wunder. Sie ist voller Wunder und Schönheit. Ich staune über die Vielfalt, die Gott geschaffen hat. Auf Wikipedia gibt es eine Liste von Kulturapfelsorten mit über 8300 Namen von 6300 Sorten von Äpfeln. Das ist ziemlich viel Vielfalt, oder? Wie viele Blumenarten kennen Sie? Weltweit gibt es allein schon über 30.000 registrierte Rosensorten. Was Gott geschaffen hat, ist unüberschaubar vielfältig und großartig. Langeweile kommt bei ihm nicht auf. Eintönigkeit kennt er nicht. Und wir sind mitten hineingesetzt in diesen perfekten, überfließenden Garten voller Schönheit.
Zugleich haben wir Anteil, aktiven Anteil an der Vielfalt und Schönheit. Denn der Mensch züchtet und verändert, gestaltet, kreuzt, mischt, beeinflusst, wie sich allein schon Pflanzen und Tiere entwickeln. Menschen haben Gartenparadiese geschaffen, schon im Altertum und bis heute. Wir haben die Landesgartenschau 2028 vor uns, und sie wird auch ein Abbild von Vielfalt und Schönheit sein. Zugleich gibt es mehr als Gärten und Apfelsorten. Menschen haben wunderbare Kultur geschaffen. Schon lange bevor in Europa die ersten Bauwerke entstanden, blühten am Euphrat und Tigris oder am Nil und in Asien Hochkulturen.
Ja, wir können aus Wüsten Oasen machen. Wir können dem Auftrag nachkommen, der uns Menschen immer noch gilt: die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren. Beides geht. Für diese Wunder, an deren Entstehung und Entwicklung wir sogar beteiligt sein dürfen, können wir danken. Gott sorgt für uns, überschwänglich.
Der zweite Gedanke gehört aber dazu: Wir haben immer noch den Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Mit dem Bewahren hat die Menschheit es oft nicht so ernst genommen. Wir nehmen uns den Lebensraum, den wir brauchen – und nehmen ihn damit den Lebewesen weg, die ebenso darauf angewiesen sind. Regenwälder werden abgebrannt, weil Menschen Palmöl wollen. Städte wachsen ins Unvorstellbare. Manche haben so viele Einwohner, wie mancher Staat nicht zusammenbringt.
Das Bebauen beherrschen wir. Das Bewahren müssen wir wieder lernen und üben. Da steht uns oft unser Egoismus im Weg. Aber beides gehört zu unserem Auftrag als Menschen. Wir sind Auftragnehmer Gottes. Wir sind nicht die Eigentümer der Erde. Wir sind Verwalter und Haushalter. Bebauen und Bewahren hat Gott keinem anderen Erdling anvertraut außer uns. Wir können mit einer Vielfalt an Möglichkeiten umgehen. Und wir können den Reichtum der Erde nutzen – in einer Weise, dass er für alle genügt. Für alle Menschen und für alle Tiere.
Es ist eine besondere Würde, die Gott uns damit gibt. Vielleicht ist es eine Gedankenverbindung, die im ersten Moment überrascht: Aber ich glaube, das steckt auch in dem wichtigsten Satz in unserem Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Gott würdigt uns, seine Erde zu gestalten. Er würdigt uns, füreinander da zu sein und für diese Erde aktiv zu sein. Er würdigt uns, aus Wüsten Oasen zu schaffen. Es ist eine Würde, dass wir ihm gegenüber Verantwortung tragen dürfen für diese Erde, für unsere Mitmenschen und für unsere Mitgeschöpfe.
Und das gilt nicht nur für die geschaffene Natur. Das gilt im übertragenen Sinn auch für unser Miteinander, für die Vielfalt in unserer Gesellschaft. Wir sind es würdig, einander Pflegerinnen und Pfleger, Gärtnerinnen und Gärtner unserer menschlichen Vielfalt zu sein. Vielfalt und Miteinander gehen im Moment – nicht erst jetzt, aber jetzt politisch extrem sichtbar – verloren. Wir stehen selbst in der Gefahr, diesen Verlust, diesen Angriff auf die Würde aller Menschen zuzulassen und nicht dagegen anzugehen.
Die Würde des Menschen, aller Menschen, aber ist und bleibt unantastbar. Und die Verantwortung dafür zu tragen – Teil dieser Würde! – können wir nicht ablegen. Bebauen und bewahren, aus Wüsten Oasen schaffen, im Miteinander reicher werden: das liegt in unserer Hand. Gott sagt: „Ihr sollt das. Und ihr könnt das.“ Lassen wir uns von ihm dazu wieder auffordern und ermutigen. Wir können es, wenn wir als seine Ebenbilder leben und uns von ihm leiten lassen.
