Gedanken zum Aschermittwoch, angestoßen durch den Predigttext für diesen Tag — Matthäus 9,14–17
Danach kamen die Jünger von Johannes zu Jesus. Sie fragten: »Warum fasten wir und die Pharisäer so oft, aber deine Jünger nicht?« Jesus antwortete ihnen: »Sollen die Hochzeitsgäste etwa trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Aber es wird eine Zeit kommen, da wird ihnen der Bräutigam weggenommen. Dann werden sie fasten. Niemand näht neuen Stoff auf einen alten Mantel. Sonst wird der neue Stoff vom Mantel abreißen, und der Riss wird größer als vorher. Niemand füllt neuen Wein in alte Weinschläuche. Sonst platzen die Schläuche. Der Wein läuft aus, und die Schläuche werden unbrauchbar. Nein: Neuer Wein gehört in neue Schläuche. So bleiben beide erhalten.« (Übersetzung: Die Basisbibel)
Ansprache
Aschermittwoch. Etwas Neues fängt an. Wobei: Erst einmal geht alles zu Ende. „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“, heißt es in einem Karnevalsschlager. Schluss mit lustig. Vorbei mit Fröhlichkeit. Die restlichen Schoko- und Weinvorräte verschwinden im Giftschrank. „Sieben Wochen ohne“. Wie viele von denen, die am Wochenende und besonders am Rosenmontag ausgelassen gefeiert haben, tatsächlich ins Fasten einsteigen, in den Verzicht auf Gewohntes, bleibt die Frage. Aber zumindest in ein paar Schlagern hat sich die Erinnerung ans Fasten erhalten.
Für uns beginnt ein neuer Zeitabschnitt im Kirchenjahr – Fastenzeit. Passionszeit. Wir entdecken die Leidenschaft Gottes für uns. Aber jetzt nicht mit fröhlichen Feiern, umsäumt von vielen Lichtern; nicht mit festlichem Essen, nicht mit Pauken und Trompeten beim Jauchzen und Frohlocken. In den vergangenen Wochen in der Weihnachts- und Epiphaniaszeit, konnten wir die Freude und Herrlichkeit genießen, mit denen Gott zu uns gekommen ist. Seine Leidenschaft für uns bedeutet unermessliche Freude.
In der Passionszeit wird es ruhiger, stiller. Wir kehren uns nach innen – um auszukehren, was nicht passt, was nicht reingehört. Auch da sehen wir Gottes überströmende Liebe – aber eben anders als in den Festzeiten.
Der Gegensatz ist im Gespräch zwischen Jesus und den Jüngern von Johannes – also von Johannes dem Täufer – zu sehen. Und er zeigt: Es gibt für alles eine Zeit: Zeit zum Feiern und Zeit zur stillen Einkehr. Zeit zum Schlemmen und Zeit zum Fasten. Zeit, die Fülle zu genießen und Zeit, um im Verzicht in die Tiefe zu gehen und dort Schätze zu bergen.
Fasten hat seine Zeit. Es ist eine gute Tradition. An keiner Stelle lässt Jesus Zweifel daran erkennen. Er beschreibt seinen Jüngerinnen und Jüngern sogar, wie rechtes Fasten aussieht (Matthäus 6,16–18).
Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.
Wenn Jesus nichts vom Fasten halten würde, hätte er das gar nicht zu erklären müssen.
Was den Johannesjüngern auffällt: Gerade fasten Jesu Jünger nicht. Die Pharisäer hatten sich zur Regel gemacht, montags und donnerstags zu fasten. Andere religiöse jüdische Gruppen hatten auch ihre besonderen Regeln. Wenn die Johannesjünger sich ähnlich verhalten wie Johannes der Täufer, dann werden sie auch auf besondere Speisen und Kleidung geachtet haben.
Die Jünger haben gewiss ebenfalls gefastet und sich an die üblichen Traditionen gehalten. Nur: Jetzt gerade nicht. Dafür gibt es den einen Grund: Jesus ist da. Der Bräutigam ist da. Der Messias, der Retter ist da, und mit ihm ist das Reich Gottes mitten unter den Menschen. Es ist da – gegenwärtig in dem Menschensohn und Gottessohn Jesus. Er ist der Bräutigam. Und das ist schon bei den Propheten ein Bild für denjenigen, der das Heil und die Erlösung bringt. Wo Gott ist, ist Freude.
Jesus wird aber nicht immer in dieser Weise bei seinen Jüngern sein. Noch ist es in den Worten versteckt, aber schon hier gibt Jesus einen ersten Hinweis auf sein Leiden. Der Bräutigam wird weggenommen.
Für uns ist die Passions- und Fastenzeit die Erinnerung an diesen Riss im Leben der Jüngerinnen und Jünger: Jesus wird gewaltsam aus ihrer Mitte gerissen. Und diese Zeit ist die Erinnerung an Jesus selbst. Er ist nicht nur der strahlende Bräutigam, in dessen Gegenwart wir ausgelassen und fröhlich feiern. Er ist auch das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt (Johannes 1,29). Das machen wir uns besonders in diesen sieben Wochen bewusst – bis hin zum Karfreitag.
Es ist angemessen, in dieser Zeit zu fasten. Es ist angemessen, in dieser Zeit kein Halleluja zu singen. Auch wenn wir wissen, dass Gott jeden Tag mitten unter uns ist und sein Geist in uns lebt.
Das mag ein alter Schlauch sein – die Fastenzeit. Aber sie birgt den guten, gereiften Wein in sich: das, was wir an Gott eher in der Stille entdecken, wenn uns vielleicht sogar ein äußerer Hunger umgeben mag. Ein Schatz, der in der Tiefe verborgen ist. Der nicht gleich vor Augen steht wie die Weihnachtsbotschaft, die mit viel Licht und Jubel daherkommt.
In der Passionszeit sind wir aufgefordert, zu graben und zu forschen und in die Tiefe zu gehen – in die Tiefe von Jesu Leiden und in unsere eigenen Tiefen. Dort ist es mühsam, einen Schatz freizulegen. Aber der ist da und Gott offenbart ihn uns. Ein guter, alter Schlauch, in dem der gereifte, kostbare Wein ist.
Die Freude, die Explosionen des Geistes, die nach außen wirken und drängen, dürfen mal Pause machen. Sie passen vielleicht nicht so in den alten, traditionsreichen Ritus des Verzichts. Die haben aber auch wieder ihre Zeit, spätestens an Ostern, wenn wir jubeln darüber, dass der Tod entmachtet ist.
Und manchmal bricht das auch in der Fastenzeit auf und aus und hat dann auch sein Recht. Jeder Sonntag ist ein kleines Fastenbrechen. Immerhin feiern wir am Sonntag Gottesdienst, weil wir uns daran erinnern: An diesem Tag, am ersten Tag der Woche ist Jesus von den Toten auferstanden.
Und wer zum Beispiel Geburtstag hat, der kann genauso den neuen Wein prickeln lassen und die Korken knallen und leckeren Kuchen essen und mit Familie und Freunden feiern. Alles hat seine Zeit – und Gott lässt uns sehen, was wann dran ist.
Mein Gedanke heute am Aschermittwoch: Gebt dem Stillen, der Passion ausreichend Raum und das richtige Umfeld. Christus ist nicht weg. Aber lasst uns seinen Weg mitgehen – vielleicht auch mit Fasten, mit dem Verzicht auf eine Speise, ein Getränk, ein Hobby, eine Gewohnheit. Lasst uns Gottes Leidenschaft für uns auch in dieser Zeit und in aller Tiefe entdecken.
