Gedanken über das Lied „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ (Ev. Gesangbuch Nr. 83. Text: Paul Gerhardt 1647. Melodie: Wolfang Dachstein 1525)
Ev. Gesangbuch Nr. 83,1–3 Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld
Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder; s geht und büßet in Geduld die Sünden aller Sünder; es geht dahin, wird matt und krank, ergibt sich auf die Würgebank, entsaget allen Freuden; es nimmet an Schmach, Hohn und Spott, Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod und spricht: “Ich will’s gern leiden.”
Das Lämmlein ist der große Freund und Heiland meiner Seelen; den, den hat Gott zum Sündenfeind und Sühner wollen wählen: “Geh hin, mein Kind, und nimm dich an der Kinder, die ich ausgetan zur Straf und Zornesruten; die Straf ist schwer, der Zorn ist groß, du kannst und sollst sie machen los durch Sterben und durch Bluten.”
“Ja, Vater, ja von Herzensgrund, leg auf, ich will dir’s tragen; mein Wollen hängt an deinem Mund, mein Wirken ist dein Sagen.” O Wunderlieb, o Liebesmacht, du kannst – was nie kein Mensch gedacht – Gott seinen Sohn abzwingen. O Liebe, Liebe, du bist stark, du streckest den in Grab und Sarg, vor dem die Felsen springen.
Das Gotteslamm
„Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder.“ Was passiert da? Wie kann ich verstehen, was es bedeutet, dass Jesus am Kreuz stirbt? Viele haben sich dazu ihre Gedanken gemacht. Paul Gerhardt formt seine Gedanken in Strophenform. Und wir singen sie heute noch, rund 400 Jahre nach ihrer Entstehung. Sie sind liedgewordene Bibelauslegung. Und sie sind noch mehr: Denn Paul Gerhardt schafft es, uns mit seinen Liedern in die Geschichten hineinzuholen. Wer seine Lieder singt und sich auf sie einlässt, steht plötzlich mittendrin. Und kann die Antworten und Reaktionen nutzen, die der Liederdichter mit seinen Worten anbietet.
Heute singen und hören wir vom Lamm Gottes. Christliche Insider wissen es: Das Lämmlein, das „die Schuld der Welt und ihrer Kinder“ trägt, ist Jesus. Wer schon immer im christlichen Umfeld zuhause ist, hat das von klein auf gelernt. Wir singen es bei der Abendmahlsfeier: „Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt: erbarm dich unser!“ (Ev. Gesangbuch Nr. 190.2)
Gottes Lamm? Das wird vor allem von Johannes immer wieder genannt. Zum ersten Mal ganz am Anfang seines Evangeliums: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.“ (Johannes 1,29) Man muss ein bisschen tiefer graben und in der Bibel zurückblättern, um mehr zu erfahren. Der Prophet Jesaja schreibt über den Gottesknecht (Jesaja 53,4–7):
Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.
Seit es Christen gibt, deuten wir diese Worte auf Jesus: Er ist der Knecht Gottes, der für unsere Sünde stirbt. Das Lamm in diesem Bild kommt aus der Passageschichte. Gott befreit Israel aus Ägypten. Es gibt die schreckliche Nacht, in der der Todesengel alle erstgeborenen Kinder – Mensch und Tier – der Ägypter tötet. Und die Israeliten sollen ein Lamm schlachten, jede Familie, jede Hausgemeinschaft für sich ein Lamm – und mit dem Blut die Türpfosten bestreichen. Dann geht der Todesengel an diesem Haus vorüber und tritt nicht ein (2. Mose 12,1–28).
Schlaglichter. Viel zu viel, um jedes einzelne zu betrachten. Es sind nur Andeutungen. Aber sie stehen hinter dem, was das „Lamm Gottes“ bedeutet: einer, der den Tod abwendet; einer, der die Schuld beseitigt; einer, der uns rettet durch den Einsatz, durch das Opfer seines eigenen Lebens. Gottes Lamm. Paul Gerhard lässt die ganzen Bibelworte und Geschichten aufblitzen in den ersten Strophen und verknüpft sie mit dem, was an Karfreitag passiert. Aber nicht nur das. Sein Blick reicht weit zurück, vor alle Zeit, könnte man sagen. Er blickt über die Zeit, wie wir sie erleben. Wir sehen plötzlich, wie Gott Vater und Sohn im Himmel miteinander reden.
Was uns ereilen würde, ist viel zu schwer und zu groß. Wir können nicht tragen, was wir Gott gegenüber versäumt haben. Und Gott schickt seinen Sohn. „Ja, Vater“, sagt Jesus. „Ich trage das.“ „Mein Wollen hängt an deinem Mund, mein Wirken ist dein Sagen.“ – „Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst“, betet Jesus, kurz bevor er im Garten Gethsemane gefangen genommen wird (Matthäus 26,39).
Das alles ist viel mehr als eine trockene theologische Beschreibung von Karfreitag. Was passiert hier? Und was passiert hier mit mir? Gottes Liebe leuchtet auf. Und die überwindet sogar den Tod. Liebe überwindet jedes Aufrechnen von guten und schlechten Taten. Liebe stellt keine Rechnung auf und stellt sie auch nicht aus. Gott liebt uns. Er liebt seine Menschen – von Anfang an und alle. Und seine Liebe treibt ihn an, treibt ihn bis zu uns und bis in den Tod.
In dem schönsten Liebeslied des Alten Testamentes, dem Hohenlied von Salomo, heißt es: „Liebe ist stark wie der Tod.“ (Hoheslied 8,6) „O Liebe, Liebe, du bist stark“, singt der Liederdichter.
Karfreitag
Und dann? Dann fehlt etwas im Gesangbuch. Eine Strophe, die wir heute nicht mehr singen.
Du marterst ihn am Kreuzesstamm mit Nägeln und mit Spießen; du schlachtest ihn als wie ein Lamm, machst Herz und Adern fließen: das Herze mit der Seufzer Kraft, die Adern mit dem edlen Saft des purpurroten Blutes. O süßes Lamm, was soll ich dir erweisen dafür, dass du mir erweisest so viel Gutes?
Die Worte wollen nicht so über die Lippen. Die Bilder sind zu stark. Aber zu Paul Gerhardts Zeit und auch noch danach wurde oft vom Blut Jesus gesprochen und gesungen. Ganz tief verankert ist es bis heute in der Abendmahlsliturgie: „Christe Blut, für dich vergossen“ sprechen wir einander zu beim Austeilen des Abendmahls.
Das ist anstößig. Manchen verwirrt und ärgert es sogar. Aber das ist das Bild für den Kern des Geschehens: Jesus stirbt aus Liebe zu uns. Und wir? Was tun wir nun? Die Strophe, die im Gesangbuch fehlt, stellt die wichtige Frage: „Was soll ich dir erweisen?“
Das ist doch die Frage! Was muss ich tun, damit ich einen gnädigen Gott bekomme? Schon Martin Luther hat diese Frage nicht zur Ruhe kommen lassen. Und zuerst ist er daran gescheitert. Bis er dann gemerkt hat: Ich? Ich kann und muss gar nichts tun. Gott schenkt sich mir. Er „schenkt uns seinen Sohn“ (Ev. Gesangbuch Nr. 27), heißt es in einem alten Weihnachtslied.
Jetzt ist Paul Gerhardt ganz bei sich. Und wenn wir sein Lied bis hierher mitgesungen haben, sind wir auch ganz bei uns und bei Gott und geben uns die Antwort auf die Frage: „Was soll ich dir für deine Liebe erweisen?“ So nämlich erhält die heutige vierte Strophe ihren Sinn. Was soll ich tun? Die Antwort steht in den heutigen Strophen 4 und 5.
Ev. Gesangbuch Nr. 83,4–5 Mein Lebetage will ich dich
Mein Lebetage will ich dich aus meinem Sinn nicht lassen, dich will ich stets, gleich wie du mich, mit Liebesarmen fassen. Du sollst sein meines Herzens Licht, und wenn mein Herz in Stücke bricht, sollst du mein Herze bleiben; ich will mich dir, mein höchster Ruhm, hiermit zu deinem Eigentum beständiglich verschreiben.
Ich will von deiner Lieblichkeit bei Nacht und Tage singen, mich selbst auch dir nach Möglichkeit zum Freudenopfer bringen. Mein Bach des Lebens soll sich dir und deinem Namen für und für in Dankbarkeit ergießen; und was du mir zugut getan, das will ich stets, so tief ich kann, in mein Gedächtnis schließen.
Die Antwort
Was soll ich tun? Antwort: Nichts! Das Einzige, was ich tun will – und in dem Sinn auch soll: Ich halte Jesus im Herzen. Ich erinnere mich daran, was er für mich getan hat. Nichts mehr. Ich erinnere mich. Das Einzige, was ich tun soll, ist, dass ich mir etwas tun lasse. Dass ich mir gefallen lasse, was Jesus für mich und an mir tut.
Wir sind im Zentrum des Liedes und genauso im Zentrum des Glaubens angekommen. Gott tut alles – alles! – für uns. Die Bilder dafür sind überwältigend und ergreifen das Herz, wenn wir sie nur zulassen.
Ich will dich „mit Liebesarmen fassen.“ Da steht der Beter vorm Kreuz und sieht, wie Jesus die Arme ausbreitet. Obwohl er am Kreuz hängt, geht er gleichsam mit ausgebreiteten Armen auf uns zu. Und wie zwei, die sich endlich gefunden, endlich wiedergefunden haben, gehe ich auf Jesus zu mit ausgebreiten Armen und umfasse ihn.
Sein Herz wird mein Herz. Sein Wesen wird mein Wesen. Und dem Lebenswasser, das aus Jesus herausfließt, entspricht es, dass „Mein Bach des Lebens“ sich „dir und deinem Namen für und für in Dankbarkeit ergießen“.
Dann, wenn ich alles erfasst habe, wenn ich alles zugelassen habe, was Gott mir tut, dann fließt meine Dankbarkeit. Was ich tue? Ich behalte es im Gedächtnis und ich nehme es an, lasse es an mir geschehen.
Der Schatz
Ob wir es fassen, dass Jesus unser Schatz ist? Ob wir es ertragen und erfassen und lieben können, dass Jesu Blut unser Schatz ist? Paul Gerhardt schrieb eine weitere Strophe, die heute im Gesangbuch fehlt. Sie ist aber nötig, um den Schluss des Liedes richtig zu verstehen.
Erweitre dich, mein Herzensschrein, du sollst ein Schatzhaus werden der Schätze, die viel größer sein als Himmel, Meer und Erden. Weg mit dem Gold Arabia! Weg Calmus, Myrrhen, Casia! Ich hab ein Bessers funden: Mein großer Schatz, Herr Jesu Christ, ist dieses, was geflossen ist aus deines Leibes Wunden.
Was aber ist mit diesem Schatz? Was bedeutet mir das Blut Jesu? Die heutige Strophe 6 setzt den Gedanken vom Schatzhaus fort.
Ev. Gesangbuch Nr. 83,6 Das soll und will ich mir zunutz
Das soll und will ich mir zunutz zu allen Zeiten machen; im Streite soll es sein mein Schutz, in Traurigkeit mein Lachen, in Fröhlichkeit mein Saitenspiel; und wenn mir nichts mehr schmecken will, soll mich dies Manna speisen; im Durst soll’s sein mein Wasserquell, in Einsamkeit mein Sprachgesell zu Haus und auch auf Reisen.
Was ist mir das Blut Jesu? Sein Blut ist mir Schutz und Lachen, Saitenspiel und Manna, Wasserquelle und Sprachgeselle. Und noch mehr – die letzte der drei heute fehlenden Strophen:
Was schadet mir des Todes Gift? Dein Blut, das ist mein Leben. Wenn mich der Sonnen Hitze trifft, so kann mirs Schatten geben. Setzt mir der Wehmut Schmerzen zu, so find ich bei dir meine Ruh als auf dem Bett ein Kranker. Und wenn des Kreuzes Ungestüm mein Schifflein treibet um und um, so bist du dann mein Anker.
Das geht Schlag auf Schlag. Ich blinzle und bin geradezu geblendet von der Fülle an Schätzen, die sich vor meinen Augen zeigen. Wie sagte Paul Gerhardt? „Erweitre dich, mein Herzensschrein, du sollst ein Schatzhaus werden der Schätze, die viel größer sein als Himmel, Meer und Erden.“ Wie kann ich mir das vorstellen? Mir sind manche alten Erzählungen oder auch Filme eingefallen. Sie könnten beschreiben, wie das Paul Gerhardt entdeckt und erleben haben muss – und wie wir es vielleicht auch entdecken können.
Ali Baba und seine vierzig Räuber. Sie verstecken in ihrer Räuberhöhle – „Sesam öffne dich“ – alles, was sie sich an Edelsteinen und Perlen, Kronen, Ketten und Armbändern, Münzen und goldenen Gefäßen zusammengeklaut haben. Wer diese Höhle betritt, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Bilbo Beutlin betritt die Höhle des Drachen Smaug. Der liegt mitten in einem unermesslichen Goldschatz. Alles erstrahlt im Licht dieses Schatzes. Je tiefer ein Schatzsucher in die geheimnisvollen, versteckten Kammern einer Schatzhöhle eindringt, um so mehr entdeckt er. Mit jedem Augenaufschlag wird der Schatz größer.
So kommt mir die Weise vor, in der Paul Gerhardt ein Schmuckstück nach dem anderen aufzählt: Schutz, Lachen, Saitenspiel, Manna, Wasserquelle, Sprachgeselle, Leben, Schatten, Ruhe, Anker. Das alles ist Jesus. Und es kommt mir zugute, weil Jesus für mich gestorben ist. Ich komme nicht dort ran, weil ich mich anstrenge. Ich kann’s mir nur schenken lassen.
Das Lämmlein, der Schatz und ich
Die Passionstage werben darum, das alles zu erkennen. Und sie bereiten uns auf Karfreitag vor. Der Tag, den wir nicht mögen, weil wir ihn nicht verstehen und nicht akzeptieren können. Der Liederdichter blickt an diesem Tag sehr tief. Und er entdeckt hinter dem rabenschwarzen Vorhang des Karfreitags, hinter den Schmerzen und dem Tod den Schatz der Liebe Gottes. Er führt uns ins Herz Gottes selbst hinein mit dem Zwiegespräch zwischen Gott Vater und Jesus, seinem Sohn. Er zeigt uns die unvorstellbare Tiefe von Gottes Liebe. Wir werden zur Antwort eingeladen: Ich lasse mir das geschehen und genau das – die Tiefe von Gottes Liebe – will ich nie vergessen. Dann wird mir der Tod Jesu zum Schatz und mein Herz wird zum Schatzhaus, in dem ich diesen Schatz berge.
Einen ähnlichen Gedanken hat Paul Gerhardt auch in seinem Weihnachtslied beschrieben: „Ich steh an deiner Krippen hier“ (Ev. Gesangbuch Nr. 37 – Achtung: Die im Gesangbuch gedruckte Strophe 9 ist in der Onlineausgabe die Strophe 12). Dort sagt er in der letzten Strophe: “So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein dich und all deine Freuden.”
Dort ist es das fröhliche Weihnachtsgeschehen. Jesus findet Raum in meinem Herzen. Hier im Passionslied ist es das Geschehen von Karfreitag. Und ich merke: Jetzt wird der ganze Schatz erfahrbar, der sich in der Weihnachtsgeschichte schon andeutet. Jetzt in aller Tiefe.
Das kann man nicht an einem Tag erfassen. Das kann man wohl auch nicht in sieben Wochen Passionszeit begreifen. Vielleicht reicht nicht einmal ein ganzes Erdenleben dafür. Aber wir können mit Paul Gerhardt Stück für Stück entdecken, was es bedeutet, dass Gott uns liebt und dass Jesus für uns stirbt. Er ist unser Leben. Er ist der wahre Schatz für unser Leben. Und das wirkt über den Tod hinaus bis in alle Ewigkeit, wie es in der letzten Strophe heißt.
Ev. Gesangbuch Nr. 83,7 Wenn endlich ich soll treten ein
Wenn endlich ich soll treten ein in deines Reiches Freuden, so soll dein Blut mein Purpur sein, ich will mich darein kleiden; es soll sein meines Hauptes Kron, in welcher ich will vor den Thron des höchsten Vaters gehen, und dir, dem er mich anvertraut, als eine wohlgeschmückte Braut an deiner Seite stehen.
Titelbild
Marktkirche Goslar, Lamm Gotte: Agnus Dei qui tollis peccata mundi, Kanzeltreppe
© 2025 Matthias Keilholz
