Dan­ken nicht verpassen

Was, wenn einer immer rei­cher wird und nicht mehr weiß, wohin mit sei­nem Reichtum?
Gibt es einen Weg, Segen zu ver­meh­ren ohne ihn einzuschließen?

Eine Erzäh­lung nach Lukas 12,16–20 und Gedan­ken dazu (erzählt im Fami­li­en­got­tes­dienst der Stadt­kir­chen­ge­mein­de Wittenberg)

Erzäh­lung 1

Ein rei­cher Korn­bau­er hat viel Glück. Bei ihm wächst und gedeiht alles. Mehr noch, als bei ande­ren. Er hat in die­sem Jahr so viel geern­tet, dass die alte Scheu­ne nicht genügt.

Gedan­ken 1

Ist das nicht schön? Alles gelingt dem Bau­ern. Alles, was er tut, hat Erfolg. Er hat sich ange­strengt und alles klappt. Und die Umstän­de sind güns­tig. Es hat wohl genug gereg­net – und auch immer zur rich­ti­gen Zeit. Die Son­ne lach­te warm und freund­lich und nicht zu heiß. Und Schäd­lin­ge haben sei­nem Getrei­de nichts anha­ben können.
Er freut sich. Er ist glück­lich. Naja. Nicht ganz. Es fehlt was. Es fehlt ihm der Platz für all sein Glück. Er kann sei­ne rei­che Ern­te gar nicht unter­brin­gen. Sei­ne Scheu­ne platzt aus allen Näh­ten. Was wird er machen?
Wenn Men­schen etwas sehr gut gelun­gen ist, dann platzt das auch aus ihnen her­aus. Dann strahlt ihr Gesicht. Dann erzäh­len sie davon. Etwa wenn eine Schü­le­rin in der Mathe­ar­beit eine 1 bekom­men hat, wo sie doch noch nie eine hat­te. Oder einer beim Lauf­trai­ning alle ande­ren über­holt hat. Das muss doch gefei­ert werden.
Ob unser Herz manch­mal wie die Scheu­ne des Bau­ern ist – rand­voll gefüllt? Und dann muss raus, was drin ist. Wie aber kann das raus? Was macht der Bau­er jetzt?

Erzäh­lung 2

Der Bau­er hat eine Idee. Er will die alte Scheu­ne abrei­ßen und eine neue bau­en. Dann wird er so reich sein, dass er das Leben genie­ßen kann.

Gedan­ken 2

Der Bau­er hat nach­ge­dacht. Was er plant, ist sehr mensch­lich. Und logisch. „Wenn der Platz nicht reicht, muss ich bau­en und neu­en Raum schaf­fen.“ Weg mit der alten Scheu­ne. Eine neue muss her, damit er wie­der alles unter­bringt, was er ern­tet. Sinn­voll. Oder? Ich mei­ne: War­um soll­te er etwas ver­der­ben las­sen? Bes­ser ist es doch, sei­nen Lager­raum zu vergrößern.
Und mir kommt eine schrä­ge Fra­ge in den Sinn: Wie könn­te ich den Lager­raum für mein Herz ver­grö­ßern? Ich mei­ne: Wenn mir so viel Gutes gesche­hen wür­de, wie könn­te ich das in mei­nem Her­zen noch unter­brin­gen? Wie könn­te ich die Freu­de sam­meln und lagern – viel­leicht sogar für schlech­te­re Zei­ten? Mal sehen, wie es mit dem Bau­ern weitergeht.

Erzäh­lung 3

Die Ern­te kommt. Aber ach: Die neue Scheu­ne ist zu klein. Er hat schon wie­der mehr geern­tet als erwar­tet. Und außer­dem hat­te er auch noch Möh­ren ange­baut. Naja. Was soll’s. Baut er eben eine noch grö­ße­re Scheu­ne. Soll­te genü­gen. Aber: Die genügt auch nicht. Zu viel Getrei­de. Zu vie­le Möh­ren. Und Kohl hat­te er in die­sem Jahr auch noch angebaut.

Gedan­ken 3

So viel Glück ist unglaub­lich, oder? Obwohl – ein paar Men­schen auf der Welt gibt es auch heu­te, denen so viel Glück auch pas­siert ist: Elon Musk – ca. 839 Mil­li­ar­den Dol­lar hat er. Jeff Bezos – der besitzt unge­fähr 256 Mil­li­ar­den Dol­lar. Fast arm dage­gen ist Mark Zucker­berg – dem sol­len nur rund 222 Mil­li­ar­den Dol­lar gehö­ren. Das ist unvor­stell­bar viel. Wisst ihr, was dabei völ­lig ver­rückt ist? Jeder will noch mehr. Es ist nicht genug. Es reicht nicht.
Und ich den­ke nur: Das muss eine ande­re Welt sein. Ich ken­ne kei­nen Men­schen, der so viel besitzt. Gibt’s die wirk­lich? Ich bekom­me ein komi­sches Gefühl dabei. Und auch bei unse­rer Geschich­te kom­me ich ins Grü­beln. Wann ist es genug? Könn­te es auch anders gehen? Viel­leicht zeigt der Bau­er uns ja, wie er mit so viel Glück umgeht.

Erzäh­lung 4

“Na jetzt aber”, denkt sich gera­de der Bau­er. „Ich baue mir die aller­größ­te Scheu­ne der Welt. So! Dann wer­de ich nie wie­der arbei­ten müs­sen.“ Gesagt, getan. Die neue Scheu­ne ist rie­sig. Sie ist so hoch wie der Him­mel. Und der Bau­er ist zufrie­den: „Jetzt kann ich fei­ern. Jetzt hab ich es gut!“

Gedan­ken 4

End­lich hat’s der Bau­er geschafft. Mehr geht nun wirk­lich nicht. Er hat genug. Wirk­lich genug. Das reicht für sein gan­zes Leben. End­lich hat er auch Zeit, um ein Fest zu fei­ern. Das habe ich die gan­ze Zeit schon ver­misst. Er hat kein ein­zi­ges Mal Ern­te­dank gefei­ert. Scha­de. Das ist doch so ein schö­nes Fest, wenn wir die Viel­falt sehen, die Gott uns Men­schen geschenkt hat. Alles so bunt, so schön anzu­schau­en, so lecker – wenn aus Getrei­de köst­li­ches Brot wird, wenn aus Kakao und Zucker wun­der­ba­re Scho­ko­la­de wird, wenn Apfel­mus und Eis zusam­men­kom­men, wenn aus vie­len Gemü­se­ar­ten ein bun­ter Salat wird oder eine lecke­re Gemü­se­sup­pe. Das muss doch gefei­ert wer­den, so wie heu­te. Scha­de, dass der Bau­er das noch gar nicht getan hat. Ich glau­be, er hat etwas ver­passt ohne Ern­te­dank. Aber jetzt. Jetzt will er ja fei­ern. Ich bin gespannt.

Erzäh­lung 5

Oh weh. In der Nacht stirbt der Bau­er. Ein­fach so. Sei­ne Ern­te? Die Vögel picken das Getrei­de auf, die Kanin­chen freu­en sich über die Möh­ren und den Kohl. Die neue Scheu­ne aber ist leer. Und der rei­che Bau­er hat nichts mehr davon.

Gedan­ken 5

Das ging nicht gut aus. End­lich war der Bau­er so weit, dass er auch mal ein Fest fei­ern woll­te. Aber das ging nicht mehr. Trau­rig. Er hat­te gar nichts von sei­nem Glück.

Ich bin so froh, dass wir heu­te mit­ein­an­der Ern­te­dank fei­ern. Wir sehen vor uns vie­le Gaben, die Men­schen in die Kir­che gebracht haben. Am Don­ners­tag haben die Kin­der unse­rer KiTas – von der Arche Noah, vom Him­mels­schlüs­sel­chen und vom Haus für Kin­der – gan­ze Kör­be voll zu unse­rem Got­tes­dienst mit­ge­bracht. Und man­ches ist ges­tern noch dazu­ge­kom­men. Vie­len Dank dafür. Wir sind nicht so reich wie die drei reichs­ten Män­ner der Welt. Aber Gott hat uns ver­sorgt. Er schenkt uns eine gro­ße Vielfalt.
Die gan­ze Zeit über beschäf­tigt mich schon die Fra­ge: Wie könn­ten wir unse­re Her­zen so weit machen, dass Got­tes Gaben dort rein­pas­sen? Wie könn­ten wir den Platz erwei­tern, damit Gott uns sei­nen Segen geben kann und wir die­sen Segen auch spü­ren? Und mir ist ein ver­rück­ter Gedan­ke gekom­men – erst eine ver­rück­te Fra­ge und jetzt auch noch aml ein ver­rück­ter Gedan­ke: Was, wenn wir nicht noch mehr in uns hin­ein­sam­meln, son­dern wenn wir teilen?

Ich mei­ne: Man kann immer eine neue Scheu­ne bau­en. Was Gott uns gibt, kön­nen wir alles behal­ten. Das ist ein Weg zu sam­meln. Aber wenn ich Platz brau­che, gibt es auch noch einen ande­ren Weg. Ich könn­te mein Herz öff­nen. Wenn Gott mich seg­net, könn­te ich den Segen tei­len. Wenn ich mich freue, könn­te ich ande­re an der Freu­de teil­ha­ben las­sen. Auch das schafft Raum, gibt Platz. Der Pfar­rer und Lie­der­dich­ter Fried­rich Karl Barth hat das ein­mal so geschrie­ben (Evan­ge­li­sches Gesang­buch Nr. 420):

Brich mit den Hung­ri­gen dein Brot, sprich mit den Sprach­lo­sen ein Wort, sing mit den Trau­ri­gen ein Lied, teil mit den Ein­sa­men dein Haus. Such mit den Fer­ti­gen ein Ziel.

Tei­len, was wir haben – und ande­re wer­den satt. Sie wer­den getrös­tet. Sie bekom­men eine Stim­me in unse­rer Gesell­schaft. Sie sind nicht mehr allein. Und sie ent­de­cken ein Ziel, das sie errei­chen kön­nen und das nicht immer wie­der verschwindet.

Ich glau­be, der ers­te Schritt ist zu ent­de­cken, was wir haben. Manch­mal ist es wich­tig, dass wir die Fül­le vor uns sehen, so wie heu­te. Damit uns die Augen und Her­zen wie­der aufgehen.

Der nächs­te Schritt ist, dafür zu dan­ken – egal ob für eine klei­ne Wein­trau­be oder einen gro­ßen Kür­bis, für ein klei­nes Wei­zen­korn oder gro­ßes, fri­sches Brot. Das tun wir heu­te. Wir dan­ken Gott für alles, was er uns geschenkt hat.
Und wir dan­ken auch denen, die dar­an mit­ge­wirkt haben: den Bau­ern, die sich so viel Mühe und Arbeit machen und man­ches Risi­ko ein­ge­hen; den Mül­le­rin­nen und Bäckern, den Nudel­fa­bri­kan­ten und ihren Mit­ar­bei­te­rin­nen, den Ver­käu­fe­rin­nen in den vie­len Läden. Dan­ke den LKW-Fah­rern, die dafür sor­gen, dass die Geschäf­te immer gut gefüllt sind. Dan­ke so vie­len Men­schen, die dafür sor­gen, dass wir zu essen haben.

Und der drit­te Schritt? Lasst uns aus unse­ren Her­zen kei­ne Scheu­nen machen, in die wir alles rein­brin­gen und ein­schlie­ßen. Lasst uns die Her­zens­tü­ren weit auf­ma­chen, dass wir tei­len. Das wird uns reich machen. Das wird uns erfül­len und es wird ande­re satt machen und ihnen guttun.

Ein klei­nes Zei­chen set­zen wir heu­te mit den Gaben, die vie­le her­ge­bracht haben. Denn wir tei­len sie mit der Sup­pen­kü­che unse­rer Dia­ko­nie in Wit­ten­berg und mit dem Fami­li­en­haus – man­che ken­nen das auch unter der Bezeich­nung Haus oder Café der Begegnung.

Ent­de­cken – Dan­ken – Tei­len. Das ist ein guter Plan, um Got­tes Segen zu erle­ben. Das macht reich. Amen.

 

Wer mehr vom Got­tes­dienst mit der Kin­der­kan­to­rei, der Wit­ten­ber­ger Kan­to­rei und dem Öku­me­ni­schen Ora­to­ri­en­chor Cott­bus wis­sen will, dann sich den Bericht “Dan­ken nicht ver­pas­sen” auf der Web­sei­te der Stadt­kir­chen­ge­mein­de anschauen.

Und mehr Bil­der von der zum Ern­te­dank­fest geschmück­ten Stadt­kir­che St. Mari­en zu Wit­ten­berg und der schö­nen Ern­te­kro­ne der Flä­min­ger Land­frau­en gibt’s unter “Gekrön­ter Dank”.

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