Töpfermarkt in Wittenberg. Viele Menschen sind unterwegs. Für manche ist es für zwei, drei Tage ein „Zuhause auf Zeit“ – Töpferinnen und Töpfer. Unterwegs sind aber viel mehr, so die vielen Gäste, die den Markt besuchen. Und im Grunde ist jeder Mensch unterwegs auf seinem ganz eigenen Lebensweg. So steht der Töpfermarktgottesdienst 2026 unter der Überschrift: „Und wo bleibst du?”
Bibeltext: Johannes 14,1–7 (BasisBibel)
»Lasst euch im Herzen keine Angst machen. Glaubt an Gott und glaubt an mich. Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: ›Ich gehe dorthin, um für euch einen Platz vorzubereiten‹? Und wenn ich dorthin gegangen bin und für euch einen Platz vorbereitet habe, werde ich wiederkommen. Dann werde ich euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. Ihr kennt ja den Weg zu dem Ort, wo ich hingehe.« Thomas sagte zu ihm: »Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst. Wie können wir dann den Weg dorthin kennen?« Jesus antwortete: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Es gibt keinen anderen Weg zum Vater als mich. Wenn ihr mich erkannt habt, dann werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.«
Predigt
“Und wo bleibst du?” Der Gedanke an diese Frage kam mir, als ich in meinen Kalender geschaut habe und dabei entdeckte, dass Jüdinnen und Juden in diesen Tagen ein besonderes Fest feiern: das Laubhüttenfest. Es geht in diesem Jahr vom Abend des 25. September bis zum 2. Oktober. Es heißt Laubhüttenfest, weil gläubige Jüdinnen und Juden in diesen Tagen in Laubhütten wohnen. Das kann ein Innenhof sein, der entsprechend geschmückt wird. Das kann eine Hütte im Garten sein, ein Blätterdach auf einem Balkon oder anderes.
Der Grund für dieses Fest ist Jahrtausende alt. Die Israeliten erinnern sich daran, dass sie 40 Jahre lang kein festes Dach über dem Kopf hatten. Sie erinnern sich mit diesen Festtagen daran, dass Gott das Volk aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat. Sie erinnern sich an die lange Zeit, die das Volk Israel auf Wanderschaft war und immer wieder den Standort, den Lagerplatz ändern musste. Selbst Gott hatte in dieser Zeit keine Wohnung – sprich: es gab noch keinen Tempel, in dem Menschen zu Gott beteten oder ihm Opfer darbrachten. Gott wohnte gewissermaßen auch in einer Hütte, in einem Zelt. Manche kennen das Wort dafür: Die Stiftshütte. (Zum Laubhüttenfest in der Bibel z. B.(3. Mose 23,33–34.39–43)
Wo bleibst du? Unsere Töpferinnen und Töpfer sind oft unterwegs. Sie haben alle ihr festes Zuhause, aber sie brechen oft zu den Märkten auf, um ihre Werke anzubieten und zu verkaufen. Sie sind damit nicht allein. Viele von uns kennen die kleineren oder auch großen Wanderzirkusse. Menschen sind unterwegs bauen das große Zirkuszelt, wohnen in ihren Wohnwagen, reisen von Ort zu Ort und zeigen ihre Kunst. Viele Völker leben dieses Leben auch heute, sind als Nomaden unterwegs. Sie gehen den besten Weideplätzen nach, haben ihr Winter- und Sommerlager. In der Mongolei leben bis zu 40 % der Bevölkerung nomadisch. Nur ein Beispiel von vielen.
Was mich bewegt ist die Frage, wie das mit uns ist. Haben wir ein Zuhaue? Ich meine damit nicht das feste Haus, egal ob wir dort zur Miete wohnen oder ob es uns gehört. Aber sprechen wir nicht oft auch vom Lebensweg? Wenn sich jemand auf eine Arbeitsstelle bewirbt, reicht er dabei seinen Lebenslauf ein. Wo ist er schon alles hingelaufen? Welche Stationen hat sie in ihrem Leben schon aufgesucht? Leben ist Bewegung. Immer. Wir gehen durch die Zeit. Mein Lebensweg zum Beispiel hat mich von Hessen nach Sachsen-Anhalt geführt. Aber auch wer immer im gleichen Ort, vielleicht sogar im gleichen Haus lebt und gelebt hat, ist zugleich unterwegs durch die Zeiten. Manche Weggefährten sind mit dabei – Klassenkameraden, Schulfreundinnen, Nachbarn, Arbeitskollegen. Manchmal führen Lebenswege auseinander, andere wiederum führen zusammen.
Die Frage aber ist: Wo bleibst du? Wo ist dein Zuhause? Ich habe eine ganze Zeitlang immer gesagt: Zuhause ist dort, wo unsere Kaffeemaschine steht. Heute sind wir in Wittenberg zuhause. Aber wenn ich zu meinen Eltern fahre, 400 km nach Hessen, dann sage ich auch: Ich fahre nach Hause. Dabei bin ich gerne und aus voller Überzeugung hier. Wo bleibst du? Wir haben einen kleinen Abschnitt aus einem langen Gespräch von Jesus mit seinen Jüngerinnen und Jüngern gehört. Kurz bevor er gefangen genommen wurde, sprach Jesus mit denen, die ihm nahestanden. Was wird sein, wenn er weg ist? Wie werden sie in dieser Welt zurechtkommen? Jesus verspricht ihnen einen Beistand, den Heiligen Geist. Jesus macht ihnen Mut. Er stärkt ihren Glauben. Und er spricht von einem Zuhause, das nicht abhängig ist von unseren verschiedenen Lebenswegen. Er redet von einer Bleibe, die uns niemand streitig machen wird: kein anderer Mensch, keine politische Situation, kein Schicksal, das in unsere Lebenswege eingreifen will.
„Lasst euch im Herzen keine Angst machen.“ Das ist seine erste Aufforderung. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Angst ist ein Kompass, dessen Nadel sich nicht mehr klar nach Norden ausrichtet. Angst verwirbelt unsere Orientierung. Sie kommt, sie ist da, sie ist real. Sie ist manchmal ein Warnsignal, das es zu beachten gilt. Aber sie zeigt nie eine klare und hilfreiche Richtung. „Lasst euch im Herzen keine Angst machen.“ Schon gar nicht, wenn es um die Frage geht, wo du hingehst und wo du bleibst in deinem Leben.
Was aber ist der bessere Ratgeber, der verlässliche Punkt, an dem ich mich ausrichte? „Glaubt an Gott und glaubt an mich“, sagt Jesus. Denn Gott ist unveränderlich. Er ist unwandelbar. Bei Gott ist „keine Veränderung […] noch Wechsel von Licht und Finsternis“, schreibt Jakobus in einem Brief in der Bibel (Jakobus 1,17). An dem können wir uns ausrichten.
Dann gebraucht Jesus ein vertrautes Bild. Er spricht von einem Haus, von einem Gebäude. Ein stabiles, festes Haus. Das bietet Schutz. In ihm sind Menschen sicher. Und in diesem Haus, diesem Gebäude sind viele Wohnungen. In der Sprache der Bibel steht dort ein Wort, das „Bleibe“ bedeutet. Hier, in dieser Wohnung, kannst du bleiben. Hier musst du nicht mehr raus. Diese Bleibe ist für dich. Wer mir das garantiert? Gott selbst, der sich nicht verändert. Wir sind dort keine Mieter. Wir sind auch keine Gäste. Ein anderer in der Bibel hat einmal geschrieben: „Ihr seid Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ (Epheser 2,19) Wir haben Bürgerrechte im Himmel (Philipper 3,20). Es geht darum, wo unser Herz zuhause ist und wo wir geborgen sind. Egal, an welchem Ort der Erde und zu welcher Zeit wir leben: Unser Herz kann schon jetzt und überall diesen Ort haben, der unser Zuhause ist.
Der Kirchenvater Augustinus hat sich darüber im 4. Jahrhundert nach Christus seine eigenen Gedanken gemacht. Was ihm auffiel: Wir suchen in unserem Leben nach einem festen Halt. Menschen brauchen ein Zuhause, besonders für ihre Seele, für ihr Herz. Wir verbinden es oft mit einem Ort. Aber es ist oft nicht dieser eine Platz, den wir mit einer Adresse bestimmen. Eher sind es die Menschen, die uns ein Zuhause geben. Dort, wo wir freundlich empfangen werden, wo ein anderer uns liebt, wo Freunde uns begleiten, ist solch ein Ort, ein Zuhause. Deswegen kann ich zugleich in Wittenberg und in Hessen zuhause sein. Deswegen kann auch scherzhaft sagen: Ich bin dort zuhause, wo unsere Kaffeemaschine steht. Und die – und ihre Vorgängerinnen – stand schon an etlichen Orten.
Aber es geht noch tiefer. Denn manchmal muss ich einen Ort wechseln, nicht nur äußerlich. Familie und Freunde können aus meinem Leben ausscheiden, im schlimmsten Fall, wenn sie sterben. Das rüttelt an meinem Zuhause und es scheint mir nicht mehr so sicher. Also suche ich wieder, bis ich einen neuen Halt gefunden habe. Wäre das nicht großartig, wenn es einen Ort gäbe, der stabil und fest wie ein Felsen ist? Augustinus, der Kirchenvater, hat die Ruhelosigkeit beobachtet – vor allem auch bei sich selbst. Und er hat entdeckt, wozu Jesus uns einlädt. Er schrieb: „Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“ „Habt keine Angst. Lasst euch nicht ruhelos hin- und hertreiben. Glaubt an Gott. Bei ihm ist euer Platz, der Ort, an dem ihr bleiben könnt. Dort ist eure Bleibe“, sagt Jesus.
Wir sind unterwegs auf unseren Lebenswegen. Wir gehen durch Zeiten, in denen vieles im Umbruch ist. Kräfte erstarken, die uns Angst und Sorge einjagen. Wir haben die Natur nicht im Griff. Wir haben nicht einmal das im Griff, was wir selbst geschaffen haben – ob das unser Energiehunger ist und die Wege, ihn zu stillen; ob das die künstliche Intelligenz ist, vor der inzwischen ihre Erschaffer warnen. Jesus lädt uns dazu ein, dass wir uns auf etwas, auf jemanden besinnen, der außerhalb dieser umbrechenden, zerbrechlichen Wirklichkeit steht.
Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, sagt er. Ich glaube es und darauf baue ich. Denn der verändert sich nicht mit dem Wechsel der Zeiten. Er gibt uns Orientierung. An ihm können wir uns in den brennenden Fragen unserer Zeit ausrichten. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist einer dieser unwandelbaren, immer gültigen Bausteine in Gottes festem Haus (Matthäus 22,37–39). „Bebaut und bewahrt die Erde“, ist ein anderer Baustein (1. Mose 2,15). Wir haben Gestaltungsspielraum und wir haben die Verantwortung, unseren Lebensraum zu schützen. Und so gibt es noch viel mehr dieser Bausteine. Der wichtigste aber ist der: Gott liebt dich, Mensch. Es ist wirklich wahr: Er hat dir eine Bleibe bereitet. In seinem Herzen, in seinen Armen bist du willkommen. Aus seiner Liebe kannst du nie und nimmer herausfallen.
Wo bleibst du? Wo ist dein Herz zuhause? Wo ist es sicher, findet Ruhe und Kraft? Von wo aus kannst du deine Aufgaben in dieser Welt wahrnehmen? Für mich ist Jesus das Ziel meiner Reise und sein Herz ist jetzt schon mein sicherer Ort, von dem aus ich meine Lebenswege beschreitet. Dort bleibe ich.
