Ostergottesdienst in der Stadtkirche St. Marien Wittenberg
Lesung: 1. Korinther 15,12–18
12 Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferweckt ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten? 13 Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferweckt worden. 14 Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. 15 Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. 16 Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden. 17 Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden; 18 dann sind auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren.
Predigt Teil I “Was, wenn Jesus nicht auferstanden wäre?”
Was machen wir mit Ostern? Oder andersherum gefragt: Was macht Ostern mit uns? Das hängt davon ab, was wir glauben. „Auferstehung der Toten – das gibt’s doch gar nicht“, sagen manche. Die Leute gab es schon zurzeit von Paulus, die diskutierten auch schon mit Jesus, bevor dieses weltumstürzende Ereignis an Karfreitag und Ostern alle überrascht hat. Bis heute ist das so. „Ein Leben nach dem Tod? Das ist unvorstellbar. Das kann’s nicht geben.“ Sagen manche.
Ob das den Frauen auch durch den Kopf ging, von denen wir ganz am Anfang gehört haben? Markus hat ja den grellsten Schluss aller Ostergeschichten: „Sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.“ (Markus 16,1–8) Jesus hatte zwar angekündigt, dass er nach drei Tagen von den Toten auferweckt wird (Markus 8,31 etc.). Aber jetzt, wo die Frauen es mit eigenen Augen sahen und von einem Engel erzählt bekamen, hat es sie doch überrascht. „Auferstehung? Das gibt’s doch gar nicht. Das können wir selbst kaum glauben. Das glaubt uns kein Mensch.“
Paulus beschäftigt es sehr. Wenn Menschen nicht glauben, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, dann hat das Folgen. Das ist nicht bedeutungslos. Das macht was mit uns. Seine Beobachtungen und Schlussfolgerungen bringen es auf den Punkt: Keine Auferstehung der Toten? Dann lebt auch Jesus nicht. Lebt Jesus nicht, dann ist jede Predigt vom Leben nach dem Tod eine Lüge und völlig nutzlos. Glaube wird dann ebenso nutzlos. Wenn Jesus nicht lebt, brauchen wir keine Kirchen und keine Gemeinden. Wozu sollten wir da sein? Um zu predigen, dass es keine Hoffnung gibt? Wenn Jesus nicht lebt, brauchen wir auch Ostern nicht zu feiern. Ostern ohne Jesus ist völlig leer und völlig sinnlos.
Das ist ein schlimmer Gedanke. Denn der wischt die Hoffnung weg und wischt den Sinn des Lebens weg. Wenn der Tod das letzte Wort hat, dann ist alles, was ich anpacke, am Ende sinnlos und nutzlos. Was ich glaube, hat auf alle Fälle Folgen. Hören wir Paulus noch ein Stück zu. Denn der glaubt, dass Jesus lebt. Und was das bedeutet, hat er auch aufgeschrieben.
Lesung: 1. Korinther 15,19–28
19 Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. 20 Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. 21 Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. 23 Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; 24 danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt. 25 Denn er muss herrschen, bis Gott »alle Feinde unter seine Füße gelegt hat« (Psalm 110,1). 26 Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. 27 Denn »alles hat er unter seine Füße getan« (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. 28 Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem.
Predigt Teil II “Nun aber ist Christus auferstanden!”
„Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten.“ Wenn ihr euch von dem langen und auch ein bisschen komplizierten Text nur diesen ersten Satz merkt, habt ihr alles, was ihr heute wissen müsst.
Jesus lebt. Für Paulus ist das gar keine Frage. Die Zweifel, über die er diskutiert, kommen nicht aus seinem Herzen. Er hat Jesus erlebt und erlebt ihn jeden Tag wieder. Paulus ist ein neuer Mensch geworden. Weil Jesus lebt, ist Paulus ein neuer Mensch geworden. Ein anderer aus dieser Zeit, Johannes, hat das so beschrieben: Wer an Jesus glaubt, der hat das ewige Leben (Johannes 3,16). Der HAT das ewige Leben schon jetzt, nicht erst in der Zukunft.
Was wir glauben, hat Folgen, unmittelbar. Jesus lebt? Das weckt in mir Hoffnung. Der Tod gilt doch als die stärkste Macht in dieser Welt. Dem können wir nichts entgegensetzen. Klar wird die Medizin immer besser. Menschen werden auch immer älter. Und doch: ewiges Leben hat keiner von uns aus sich heraus. Die bösen Diener des Todes spüren wir auch. Krieg, der Menschen tötet und der so viel Schönes zerstört, das sich auch nicht wiederbringen lässt. Hass, der lebendige Beziehungen kaputt macht, der Menschen voneinander entfremdet und trennt. Neid und Habgier, die in mir die Freude töten über das, was einem anderen gehört und gelungen ist und wo ein anderer Schönes aufgebaut hat. Sehr stark sind diese Mächte, der Tod und seine Diener.
Aber dann kommt Jesus und überwindet das alles. Seine Liebe erweist sich als mächtiger und stärker als Hass und Neid und als der Tod. Es reicht einer, der den Anfang macht, schreibt Paulus. Jesus besiegt den Tod. Und von da an hat der Tod eben nicht mehr das letzte Wort. Und auch seine Diener müssen weichen.
Vielleicht erinnern sich manche an die Bergpredigt und an ein paar ihrer starken Sätze. „Liebet eure Feinde.“ (Matthäus 5,43–48) Das ist völlig unmöglich. Aber Jesus macht es vor. Er überwindet den Hass auf alles, was mir entgegensteht. „Vater, vergib ihnen“, betet Jesus am Kreuz (Lukas 23,34). Er bittet für die Soldaten, die ihn töten.
„Wenn einer dich zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen – vielleicht ihm Sachen zu tragen, dann geh zwei Meilen mit ihm.“ (Matthäus 5,41) „Hallo? Ich bin doch nicht bescheuert.“ Das wäre meine normale Reaktion. Wenn ich Jesu Liebe zu mir gespürt habe, kann ich so nicht mehr denken. Ich will so nicht mehr denken. Jesus überwindet mich und seine Liebe bewegt mich. Ich muss es einüben und scheitere auch daran. Aber ich merke Stück für Stück, wie Jesus mich verändert. Das kann er nur, weil er lebt.
„Selig sind die Friedfertigen”, die zum Frieden anstiften und die den Frieden selbst praktizieren (Matthäus 5,9). Die Alltagserfahrung lehrt mich, dass die Friedfertigen untergebuttert werden von den Mächtigen und Kriegswilligen. Und doch: Es sind die Friedensstifter, die die Welt zum Guten verändern und niemals die Kriegstreiber. Jesus selbst lebt diesen Frieden vor und bewirkt ihn. Es ist mühsam, weil zu viele eben nicht die Hoffnung auf das Leben teilen, sondern nur resigniert auf den Tod und seine Diener schauen. Aber wo Menschen an den lebendigen Jesus glauben und von ihm Tag für Tag verändert werden, verändern sie auch die Welt um sich herum. In unserer Welt, in unserer Zeit geht das nur Stück für Stück. Aber es geschieht. Und dann wir der große Tag kommen, den Gott angekündigt hat: Alle Diener des Todes, alles Böse und der Tod selbst werden ein für alle Mal überwunden sein.
Mich bewegt noch der erste Satz in diesem zweiten Teil: „Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.“ Das mag manchen so gehen. Jesus? Der war ein guter Mensch. Der hatte starke Worte für starke Gegner und hat sich den Schwachen zugewendet. Seine Liebe zu den Menschen war eine Wohltat. Ja – das war so. Aber wenn er tot ist? Wenn er mir heute keine Kraft geben kann, so zu leben, wie er es vorgemacht hat?
Ganz anders, wenn das stimmt, was mir die Ostergeschichte erzählt und was Paulus schreibt und was Christen seit 2.000 Jahren glauben. Das gibt mir Hoffnung und Kraft. Jesus lebt. Und Gott ist ein lebendiger Gott. Die Zukunft der Welt liegt nicht in der Hand von Tyrannen. Ja, die machen viel kaputt und scheinen allmächtig zu sein. Aber sie stolpern und stürzen. Ihre Macht ist begrenzt.
Mir ist wieder in den Sinn gekommen, was der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinemann auf dem Essener Kirchentag 1950 gesagt hat (damals Präses der gesamtdeutschen Synode der EKD und Bundesinnenminister). Nein, ich war nicht dabei – aber das Wort ist mir trotzdem sehr vertraut. Er sagte:
Unsere Freiheit wurde durch den Tod des Sohnes Gottes teuer erkauft. Niemand kann uns in neue Fesseln schlagen, denn Gottes Sohn ist auferstanden. Lasst uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt!
Was machen wir mit Ostern? Was macht Ostern mit uns?
Ich will’s glauben: „Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten.“ Und ich will davon erzählen – nicht nur heute und hier als Pfarrer, sondern auch sonst und an anderen Orten. Mir macht es Mut für meinen Alltag. Es lässt mich beten und bitten und danken. Jesus lebt – das hilft mir, mit Hoffnung anderen Menschen zu begegnen. Der Tod und seine Diener sind immer schwächer als die Liebe, die Jesus uns gegenüber zeigt und in uns hineinlegt. Auch wenn ich üben muss, das zu leben.
Jesus lebt. Das tröstet mich, wenn ich dem irdischen Tod begegne. Weil ich weiß, dass der keine undurchbrechbare Mauer ist, hinter der nur das Dunkel liegt.
Mir fehlt noch der Blick dafür, aber hinter dem, was ich hier als Tod wahrnehme, über dem steht Jesus. Und der hat eine Zukunft mit mir uns mit uns allen vor. Die ist schon vorbereitet. Die wirkt schon in meinen Alltag hinein.
Merkt euch nur den einen Satz – den Rest könnt ihr in 1. Korinther 15 und den Ostergeschichten nachlesen. Merkt euch nur den einen Satz und sagt ihn laut: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja.“
