Predigtgedanken zum Gründonnerstag
Im Gottesdienst wurden zuvor Texte aus 2. Mose 12 und Matthäus 26 gelesen — die Erzählung vom Passa und die Einsetzung des Abendmahls.
Was machen wir heute an diesem Tag vor Karfreitag? Was hat Jesus an diesem Tag gemacht? Er feiert ein Mahl zur Erinnerung an die Erlösung Israels aus der Gefangenschaft in Ägypten. Was wir bei den Abendmahlsworten hören (1. Korinther 11,24–25): „Solches tut zu meinem Gedächtnis“, das gilt auch schon für das Passafest (2. Mose 12,14). „Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben – als ewige Ordnung.“ Es ist aber mehr als eine Erinnerung, viel mehr.
Bei der Passafeier heute fragen die Kinder: „Weshalb ist dieser Abend anders als alle anderen?“ Wenn dann die Geschichte erzählt wird, sind alle mittendrin in dem Geschehen. Es gibt – wie damals – nur ungesäuertes Brot. Auf dem Tisch das gebratene Lammfleisch. Auf einem Teller sind bittere Kräuter. Sie erinnern an die Bitterkeit der Sklaverei. Eine Mischung aus Apfel, Nüssen, zusammengeknetet mit Rotwein und Zimt erinnert durch seine Farbe an die Lehmziegel, die die Israeliten in Ägypten herstellen mussten. Erdfrüchte – also Kartoffeln, Radieschen oder Sellerie erinnern an die zermürbende Arbeit. Manches mehr ist dort zu finden und alles steht in Verbindung zur Geschichte. Wer Passa feiert, erinnert sich nicht nur. Wer Passa feiert, ist Teil der Geschichte. Kinder und Erwachsene erleben die Not der Sklaverei symbolisch mit – mit den Speisen, mit der Erzählung, mit den Liedern und Gebeten. Wer Passa feiert, erlebt die Befreiung mit durch die Lobgesänge und Gebete, die Gemeinschaft und die Freude. Es heißt nicht: Gott hat unsere Vorfahren vor langer Zeit befreit. Es heißt: Gott hat uns befreit.
Was macht Jesus? Er ist Teil dieser Geschichte. Und er nimmt seine Jünger mit hinein in die Fortsetzung. Jesus befreit uns aus unserer Sklaverei. Da mag mancher sagen: Ich bin doch gar kein Sklave. Auch die Jüngerinnen und Jünger waren freie Menschen; zwar in einem Staat, der von den Römern kontrolliert und verwaltet wurde, aber im Wesentlichen doch recht frei. Doch es gibt andere Mächte und Zwänge, unter denen Menschen gefangen sind. Jesus nimmt in den Worten zum Abendmahl ein Wort in den Mund, das heute sehr unbeliebt ist: „Sünde“. Er befreit von Sünde. Das ist so „oldschool“, so altmodisch, so abgelegt und verbraucht.
Ist es das wirklich? Jesus redet nicht von Moral oder von gesellschaftlichen Konventionen. Er redet davon, dass wir von Natur aus Rebellen gegenüber Gott sind. Wir sind unser eigener Gott. Wir sind der Maßstab aller Dinge. Über uns ist keiner und wir stehen über allem. Gott? Er muss nicht gleich für tot erklärt werden. Aber mein Leben braucht keinen Gott, der drübersteht.
So halten wir den, der uns das Leben gegeben hat, draußen. So schieben wir den zur Seite, der unser Leben erhält. So weigern wir uns, auf den zu hören, der uns und die Welt mit ihren guten Ordnungen geschaffen hat – Ordnungen in der Natur und Ordnungen für ein glückliches Zusammenleben. Ein Wort genügt, das zusammenzufassen, ohne jeglichen moralisierenden Anstrich: Sünde.
Und die Sünde, dieses Leben als unsere eigenen Götter, ist keine Freiheit. Es ist Sklaverei für uns selbst und für andere. Was geschieht, wenn Menschen sich selbst zu Göttern machen, haben wir in der Geschichte gesehen. Wer Schwächer ist, wird unterdrückt. Gesetze gelten nicht für den König, nicht für den Despoten und Tyrannen. Genauso aber fallen wir in Zwänge und Verhaltensmuster, unten denen wir leiden – unterschiedlich stark, unterschiedlich häufig vielleicht. Aber wir sind ja nicht einmal für uns selbst gesehen frei.
Jesus nimmt seine Jüngerinnen und Jünger ganz traditionell hinein in die Geschichte der Befreiung. Sie feiern Passa. „Wir waren versklavt in Ägypten und Gott hat uns befreit.“ Und jetzt erzählt Jesus die Geschichte weiter. Zwei Elemente bewegen mich dabei.
Das erste Element ist die Gemeinschaft. Was machen wir heute? Wir sind zusammen in einer Gemeinschaft von Menschen. Wir erinnern uns gemeinsam, lassen uns erinnern. Wir hören, was Matthäus aufgeschrieben hat. Wir hören ebenso, was vom Passa erzählt wird. Keiner ist dabei für sich allein. Wir singen miteinander, hören die gleichen Worte. Wir stehen zu Gebeten gemeinsam auf. Wir feiern miteinander Abendmahl. Wir essen symbolisch von einem Teller und trinken symbolisch aus einem Kelch – auch wenn wir dabei die Hostien einzeln bekommen und gerne auch die Einzelkelche nutzen. Wir teilen die Geschichte miteinander – sie ist Teil unserer Gemeinschaft, wichtiger, grundlegender Teil. Wir teilen Brot und Wein miteinander. Denn es ist Jesus, der uns miteinander verbindet.
Das zweite Element ist die lebendige Erinnerung. Was machen wir heute? Wir feiern mit Jesus das Passamahl, das er umgedeutet hat auf sich selbst. Wir erinnern uns nicht nur an eine alte Geschichte. Wir sind Teil dieses Abends damals in Jerusalem. Wir hören die Worte zum Abendmahl so, als ob sie Jesus heute zu uns sagt: Nehmt ihr jetzt Brot und Wein. Das ist mein Leib. Das ist mein Blut. Esst und trinkt. Ich gebe es euch in die Hand. Ich gebe mich euch in die Hand.
Wie wäre das wohl, wenn jemand heute das Altarbild malen würde, das so groß über dem Altar der Stadtkirche steht? Würde eins dieser Gesichter darauf dein Gesicht sein? Es würde nicht nur – es müsste. Jesus ist mitten unter uns und wir sitzen mit ihm zusammen an diesem Tisch. Neben uns unsere Schwestern und Brüder; zusammen sind wir Kinder Gottes. Neben uns diejenigen, die ebenfalls zu Jesus gehören, die Teil dieser Gemeinschaft sind. Es geschieht heute mit uns und an uns. Das verbindet das Passafest mit Karfreitag und Ostern:
Was ist das Besondere an diesem Abend, an diesen Tagen?
Alles, an das wir uns erinnern, ist schon geschehen, ist in der Geschichte verankert, so dass wir uns daran erinnern können. Aber alles, an das wir uns erinnern, geschieht heute genauso an uns. Wer das recht erfassen will, öffnet sein Herz dafür und sagt: Jesus, jetzt feiere ich mit dir das Abendmahl. Du bist hier. Ich bin hier. Wir sind hier. Befreie mich aus meiner Sklaverei und gib mir, gib uns das neue, befreite Leben in dem Land, das du uns zugesagt hast.
